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Ambiente 4/84

Ein Einzelgänger, der nie allein ist

Enoch zu Guttenberg, Dirigent und Leiter der Chorgemeinschaft Neubeuern, lebt mit seinen Sängern, die auch seine Freunde sind

Enoch zu Guttenberg, Foto Matteo Manduzio Ambiente 4/84

Auch in einer Hängematte kann man Partituren lesen und der Weg zum Flügel im Haus ist nicht weit: Der bäuerliche Garten wird zu Enoch zu Guttenbergs Arbeitsplatz

 

Vor dem rosafarbenen, barock geschwungenen Dorftor von Neubeuern liegt ein schweres Bauernhaus mit weißen Wänden und dunklen Holzteilen. Ohne die Verzierungen und ohne die Bemalungen, wie sie hier vielfach üblich sind, ist es dennoch ein für den Chiemgau typisches Gebäude mit dem Wohnteil, dem Stall und der Tenne unter einem Dach.

Haus Guttenberg in Neubeuern Außenansicht, Foto Matteo Manduzio Ein einfaches Bauernhaus (Bild rechte Seite ganz oben), ohne Bemalung und Verzierungen,...

„Ich wollte ein Haus, das im Inneren so aussieht, wie Mozarts Musik klingt", sagt der Dirigent Enoch zu Guttenberg und ist nach vierjährigem Wohnen immer noch amüsiert, dass sein Wunsch ausgerechnet im Kuhstall ganz perfekt in Erfüllung ging. Vor über 17 Jahren war er als Musikstudent ins Dorf gekommen, um der Stadt München, seinem Studienort mit den allzu willkommenen Ablenkungen, auszuweichen. Da trug ihm der Pfarrer die „Liedertafel", eine kleine Gruppe singender Laien, an. Doch er lehnte ab, und sie waren von ihm auch nicht begeistert.

Haus Guttenberg Neubeuern Innen, Foto Matteo Manduzio ... versteckt in seinem Inneren Räume, die an Mozarts Musik erinnern sollen.

Sein Lehrer und väterlicher Freund Karl von Feilitzsch überredete ihn zur Annahme. „Ich gab das Komponieren auf und verschrieb mich ganz der kirchlichen Musik. Sie wird leider so oft missbraucht; meistens stehen das Kunstwerk und subjektives Kunstverständnis im Vordergrund, nicht aber die theologischen Wahrheiten oder das religiöse Thema.

Musik wurde für ihn zum bedeutsamen Vermittler einer Aussage, Johann Sebastian Bach zum Vater aller Musik. Bei seinen ersten Chormitgliedern fand er so viel Einsatzfreude, Verständnis, Musikalität und gute Stimmen die meisten gehören noch heute dazu, dass es ihm schon bald unmöglich erschien, Neubeuern zu verlassen.

Enoch zu Guttenberg ist Franke und stammt aus einem alten Adelsgeschlecht nicht weit von Kulmbach; die Hoffnungen seines Vaters, eines Politikers, der durch brillante Reden im Bundestag zur Zeit Adenauers auffiel, enttäuschte er, als er sich weder für dessen Beruf noch für die direkte Verwaltung des vielseitigen Besitzes entschied.

Auch jetzt, nachdem er alles geerbt hat, ist ihm die Musik wichtiger: „Der Besitz wird heute von einem Team geleitet, mit dem ich befreundet bin. Ich arbeite mit, soviel es eben geht.

Sein Engagement gehörte seinem Chor, den 80 Mitgliedern der Chorgemeinschaft Neubeuern. Die Anfänge waren sehr schwer, die Kritiken ablehnend bis höchstens vorsichtig wohlwollend. Doch die Gemeinschaft hielt zusammen, glaubte an ihren einsatzfreudigen Chorleiter. Heute, mit 37 Jahren ganz ergraut und eine Spur ruhiger geworden, wird Enoch zu Guttenberg auch von der Kritik mit höchstem Lob bedacht. An seine temperamentvolle, manchmal fast ekstatische Dirigierweise hat man sich gewöhnt. Messen, Oratorien, Passionen stehen auf dem Programm, Bach, Verdi, Dvořák und Händel Werke der Klassik, in München, in bayerischen Klöstern, in Frankreich, in Spanien und bald auch in Japan und Südamerika gesungen.

Trachtenanzug und ein blaues Dirndl mit gelber Schürze sind keine folkloristischen Attribute, sondern Ausdruck der Wurzeln seines Chores, dem „rührend frommer Ernst", aber auch „entfesselte Naturkraft seiner Stimmen" zugestanden wird.

Als „eigenwilliger Einzelgänger' oder „flammender Außenseiter" wird der Dirigent bezeichnet. Dem Musikkritiker Joachim Kaiser gilt seine Aufführung der h-Moll‑Messe „als Trost, wenn mir der Musikbetrieb als ohnmächtige Betriebsamkeit oder eitler Quatsch erscheint".

Weitere 180 Stimmen erhielt Guttenberg, als vor vier Jahren der Cäcilienchor in Frankfurt unter seine Leitung kam. Wöchentliche Proben auch hier und Aufführungen, in denen der Stadt und der Landchor vereinigt singen.

Im selben Jahr, also 1980, bezog er nach 18 Monaten Bauzeit sein Haus, das er vor dem Abriss bewahrt hatte. Mit seinen Freunden, dem Ofenbauer Richard Schwarz und dem Schreiner Herbert Straub, begann er selbst den Umbau. Rund 40 Kammern gab es, die meisten Wände wurden niedergerissen.

„Um uns die Proportionen vorstellen zu können, bauten wir die neuen Wände mit riesigen Papierbahnen auf. Wir haben eine sehr fröhliche Bauzeit gehabt, viel gefeiert und ebenso viele Fehler gemacht."

Haus Guttenberg Neubeuern Salon, Foto Matteo Manduzio

Vier frei stehende Säulen tragen das Gewölbe des ehemaligen Kuhstalls (Bild oben und rechts), wo sich im schimmernden Marmor der Raum, Möbel und Bilder spiegeln: harmonische Symmetrie in flutendes Licht getaucht.

 

Küche und Büro sind im alten Wohnteil. Wo die Kühe standen, befinden sich heute Esszimmer, Saal und Arbeitsraum. Im Marmorboden spiegeln sich schimmernd Möbel und Bilder, das Licht flutet. Geborgenheit gibt es nur in der ehemaligen Milchkammer, der Bibliothek. In der Tenne geht es oft „zünftig" zu; da gibt es dann schon mal ein Trompetensolo vom Dirigenten, Bier, Schweinshaxe und Tanz, wenn eine gelungene Aufführung gefeiert wird.

„Ich bin ein Exzentriker, der Ordnung um sich braucht", sagt er. Aber auch Ruhe. Und da Musik und die damit verbundene Arbeitshektik sein tägliches Leben ausfüllen, findet er Stille nur beim Bergsteigen. Eine seltene Gelegenheit für die beiden Söhne, im „Mozarthaus" das Schlagzeug dröhnen zu lassen.

E. v. W.

Wiedergabe von Text und Fotos (unverändert) aus der Zeitschrift Ambiente, Burda GmbH, München. Ausgabe 4/84, August/September 1984. Text: Elisabeth Gräfin von Walderdorff, Fotos: Matteo Manduzio

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Stand: 11. Januar 2011